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Frühlingsgefühle bei den Brandgänsen

Das Brandgans-Reisetagebuch 2012

von Dagmar Cimiotti

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15. März - Frühlingsgefühle bei den Brandgänsen

Ein Trällern und Zwitschern in den heimischen Hausgärten - Juchhe, der Frühling ist da! Auch bei den Brandgänsen im Wattenmeer beherrschen Frühlingsgefühle den Tagesablauf.

Jetzt im Frühjahr bilden Brandgans-Männchen den charakteristischen Höcker aus.

Heute scheint im Beltringharder Koog zaghaft die Sonne und wir beobachten ein großes und prächtiges Männchen (nennen wir es mal Georg), das seinen knallroten Höcker am Schnabel schon vollständig ausgebildet hat. Je größer der Höcker, desto größer sind auch die Hoden. Im Winter war der Höcker fast verschwunden und wurde erst vor Kurzem wieder gebildet für eine Zeit, in der Weibchen beeindruckt und andere Männchen eingeschüchtert werden müssen. Das ist notwendig, denn Georg muss ein Territorium bilden und von anderen Männchen freihalten. Georg wird dort sein Weibchen willkommen heißen, welches das Gebiet während der kräftezehrenden Brutzeit zum ungestörten Fressen nutzen wird.

Ein Territorium bilden ist eine lästige Arbeit, wie wir bei Georg beobachten können: Immer wieder überschreiten andere Männchen die Grenzen so sehr, dass Georg geduckt und mit aufgestellten Rückenfedern auf die Männchen losrennt. Die Eindringlinge weichen schnell zurück. Ein vertriebenes Männchen zeigt danach ein bizarres Verhalten: Er reckt seinen Kopf hoch in die Luft mit dem Schnabel zum Himmel gerichtet und beschreibt eine große kreisförmige Bewegung mit dem Kopf. Dazu pfeift und trällert er laut. Sein ganzer Körper scheint zu rotieren. Dieses Verhalten zeigen Brandgänse nur, wenn sie sehr aufgeregt sind.
In den nächsten Tagen wird vermutlich Georgs Weibchen eintreffen. Die Weibchen in den Nachbarterritorien sind schon fast alle da. Hoffentlich hat Georgs Weibchen den frostigen Winter überlebt. Neben hunderten anderen Brandgänsen haben Kati und Diva, zwei unserer Sendergänse, die kalten Tage nicht überlebt. Von Tonja fehlt jede Spur.

Derzeit läuft noch die Auswertung der kostbaren Daten, die uns Kati, Diva und Tonja letztes Jahr geliefert haben. Im späten Frühjahr plant der NABU weitere Brandgänse zu besendern. Das Ziel ist ein besseres Verständnis für die Ansprüche von Brandgänsen an ihren Lebensraum. Seit Jahren nehmen die Bestände im Mausergebiet ab.

22. Februar - Diva ist gestorben

Brandgans Diva

Brandgans Diva bei ihrer Besenderung.

Schon seit Anfang Februar hatten wir es befürchtet, nun ist es traurige Gewissheit: Diva ist tot! Heute konnten wir ihre Überreste bergen, eine traurige Ansammlung einiger vom Fuchs abgebissener Federn, Teile des Skelettes und der Sender. Auf seinem Riss hinterließ der Fuchs sogar noch ein Häufchen Losung.

Am Tag ihres Todes Anfang Februar hatte Diva in einer Salzwiese in der Nähe von Cuxhaven gerastet. Zu dieser Zeit herrschten eisige Minustemperaturen, die innerhalb von nur wenigen Tagen das Wattenmeer nahezu vollständig vereisen liesen. In der Folge waren tausende Vögel entlang der deutschen Wattenmeerküste den Hunger- oder Kältetod gestorben.

Brandgans Diva tot - Sender

Zwischen den Überresten von Diva fand sich noch ihr Sender.

Wahrscheinlich war die Fluchtdistanz von Diva wie bei anderen Vögeln während dieser Zeit deutlich verringert. Ob es daran lag, dass sie den Fuchs übersehen hat, der sich ihr vermutlich in einem Graben geduckt genähert hat? Wir werden es nie erfahren.

Diva war der heimliche Star unserer drei Sendergänse. Sie unternahm nach der Brutzeit zahlreiche weite Kurzausflüge, die manchmal nur wenige Stunden dauerten. Ihr Gefieder erneuerte sie so spät im Jahr, dass es alle Artexperten überraschte. Zudem wählte sie dafür ein ungewöhnliches Gebiet: abseits des klassischen Mausergebietes in der Elbmündung aber nicht wie Tonja und Kati in der Nähe ihres Brutgebietes sondern weit weg, in der Wesermündung.

08. Februar – Brandgans Kati ist gestorben

Am 1. Februar wurde Sender-Brandgans Kati tot aufgefunden. Eine 14-jährige Berlinerin fand den Vogel im Watt bei Büsum, bemerkte den Sender, barg ihn und informierte das Michael-Otto-Institut im NABU. Die Untersuchung von Kati durch das Forschungs- und Technologiezentrum Westküste der Universität Kiel (FTZ) und einen Büsumer Tierarzt ergab, dass Kati durch einen Greifvogel schwer verletzt worden war und an den Folgen starb.

Tote Brandgans Kati

Kati an ihrem Fundort in der Nähe von Büsum.

Seit dem Herbst hatte sich Kati in der Nähe ihres Brutplatzes aufgehalten und sich dort im Januar vermutlich schon auf die nächste Brutzeit vorbereitet. „Mit dem Einbruch der aktuellen Kälteperiode änderte sich schlagartig ihr Verhalten“ berichtet die Biologin Dagmar Cimiotti, die sich mit den drei vom NABU besenderten Satellitendaten im Rahmen ihrer Doktorarbeit am FTZ fast rund um die Uhr beschäftigt. „Sie unternahm plötzlich kilometerweite Flüge.“

Brandgänse sind bei der Nahrungssuche darauf angewiesen, die oberste Wattschicht mit ihrem flachen Schnabel nach Kleintieren durchsieben zu können. Durch die kalten Temperaturen ist das Watt hart gefroren, was Brandgänse und andere Wattvogelarten in Bedrängnis bringt. Kati war vermutlich auf der Suche nach einem Nahrungsgebiet als sie von einem Greifvogel schwer verwundet wurde. Offenbar konnte sie ihm dann zwar noch entkommen starb aber an den Folgen der Verletzung. Ihr Tod ist aus Sicht des NABU sehr bedauerlich, spiegelt jedoch die einzigartige Wildnis des Nationalparks und Weltnaturerbes Wattenmeers wieder und ermöglicht uns einen Einblick in den harten Überlebenskampf, den sich unsere Wildtiere - Brandgänse genauso wie Greifvögel - jeden Tag stellen müssen.

Kati wurde am 22. Juni 2011 an dem vom NABU betreuten Katinger Watt an der Eidermündung besendert und bekam in Anlehnung an diesen Ort auch ihren Namen. Der NABU hat das Besenderungsprojekt im Juni 2011 ins Leben gerufen, da die Bestände der Brandgans im Wattenmeer seit dem Jahr 2000 zurückgehen. Innerhalb von acht Jahren haben sich die Mauserbestände in der Elbmündung um rund 40 Prozent verringert. Die Ursachen für diese Entwicklung sind bislang ungeklärt. Um Grundlagen für effektive Schutzmaßnahmen zu erarbeiten, stattete der NABU im Sommer 2011 insgesamt drei Brandgänse mit solarbetriebenen GPS-Satellitensendern aus, welche mehrfach täglich den Standort der Vögel aufzeichnen. Zu den bekannten Gefährdungen der Brandgans zählen die Ölförderung im Wattenmeer in unmittelbarer Nähe ihres Mausergebietes sowie Störungen durch Schiffe.

„Mit etwas Glück können wir mit Katis Sender ab der nächsten Brutsaison eine weitere Brandgans verfolgen.“ hofft Dagmar Cimiotti „Kati werden wir natürlich nicht vergessen und die Daten, die sie uns geliefert hat, werden uns sehr hilfreich sein, um mehr über die Lebensweise ihrer Artgenossen zu erfahren und sie damit letztendlich besser schützen zu können.“

01. Februar – Nahrungsnot bei eisigen Temperaturen

Dauerhaft frostige Temperaturen sind für Brandgänse nicht nur unangenehm, sondern können tödliche Folgen haben. In harten Wintern gehören Brandgänse zu den häufigsten Todesopfern unter den Wattvogelarten - möglichweise, weil sie schlechter an die Nahrung im Wattboden gelangen.

Auch die Brandgans-Leibspeise, Wattschnecken, verbergen sich vor dem Eis im tieferen Watt.

Bei Niedrigwasser versuchen viele der kleinen Watt-Tierarten, sich tiefer einzugraben, um den frostigen Temperaturen an der Oberfläche zu entgehen. Für die Schnäbel der Watvögel sind sie nun weniger gut erreichbar. Brandgänse suchen nur direkt an der Oberfläche des Wattbodens nach Nahrung, indem sie mit schwungvollen Zickzackbewegungen des Kopfes die Oberfläche mit ihren flachen Entenschnäbeln durchfiltrieren. Dabei wandern vor allem die bis zu neun Millimeter kleinen Wattschnecken (Hydrobia ulvae) in ihre Mägen, von denen an manchen Orten zu guten Zeiten mehr als 100.000 Tiere auf nur einem Quadratmeter Watt gefunden werden können. Obwohl auch die Wattschnecken versuchen, sich der Kälte zu entziehen, müssen sie bei Frost herbe Verluste einstecken. Im Frühjahr können nur noch rund 500 Wattschnecken pro Quadratmeter Wattboden gezählt werden. Viele Vogelarten versuchen den frostigen Temperaturen im Watt auszuweichen und ziehen in südlichere Gebiete.

Unsere neuesten Ortungen von Kati zeigen, dass sie seit Beginn der Kälteperiode einen deutlich größeren Raum nutzt als zuvor. Vielleicht muss sie nun nach einer besseren Futterquelle im Wattboden suchen, wo es noch genügend Wattschnecken, Plattmuscheln und Ringelwürmer gibt.

16. Januar – Kati im Watt beobachtet

Brandgans Kati bei ihrer Besenderung im Juni 2011

Am Sonntag konnten wir Kati für lange Zeit nur etwa acht Kilometer von ihrem letztjährigen Brutort entfernt beobachten. Die warmen Sonnenstrahlen an diesem windstillen und klaren Januartag schien sie genauso zu genießen wie wir Menschen. Sie putze sich ausgiebig und hielt gelegentlich inne, wenn ein im Watt nach Nahrung stochernder Brachvogel gemächlich an ihr vorbeistakste. Kati hält sich in dem Bereich schon den gesamten Winter auf. Sehr gesellig geht es dort nicht zu – während wir sie beobachteten war weit und breit keine andere Brandgans zu sehen.

Während des Winters halten sich die meisten Brandgänse eigentlich noch gemeinsam mit zahlreichen Artgenossen in sogenannten Wintertrupps auf. Erst wenn sich Paare zusammengefunden haben, werden ab Anfang März Reviere gebildet. Ein Partner war am Sonntag nicht in Katis Nähe zu sehen. Trotzdem scheint sie die Nähe zum Brutgebiet einem Wintertrupp vorzuziehen.

Tonja war nach der Mauser im Herbst sogar direkt in ihr ehemaliges Brutgebiet zurückgekehrt. Ihr Sender und der von Divas machen leider noch die Winterpause. Wir rechnen aber auch erst ab Mitte bis Ende Februar damit, wenn es wieder genügend Sonnenlicht geben sollte, um die Batterie der Sender aufzuladen.

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